Schulhauseinweihung in Albanien

von Hanspeter Nef

Albanien, eines der ärmsten Länder Europas, macht Fortschritte - von tiefem Niveau aus. Wie kaum eines der andern Länder im ehemaligen Sowjetimperium hat es den Kommunismus über Bord geworfen. Aber der Staat ist arm: Wie will er von seiner verarmten Bevölkerung Steuern kassieren? Diese Armut zeigt sich an der Infrastruktur, beispielsweise an Schulen und Strassen. Schulen machen mehrheitlich einen vernachlässigten, ja verlotterten Eindruck: Es gibt zwar Fenster, aber diese haben oft keine Scheiben. Für die Beleuchtung eines Schulzimmers muss eine einzige von der Decke hängende Glühbirne genügen.

Als Begleiter von Ruth Widmer von St.Georgen hilft Albanien sind wir (unsere Reisekosten haben wir übrigens selbst berappt) unterwegs zu einer Schulhauseinweihung auf dem Land. Auf einem neuen Asphaltband mit dem stolzen Namen „Superstrada“, etwa einer Kantonsstrasse in der Schweiz entsprechend, rollen wir von Tirana nach Nordwesten. Das muss man sich allerdings erst verdienen: Bis man auf der Superstrada dahinrollt, gilt es, in präzisem Slalom um die zahlreichen Schlaglöcher zu kurven, an denen die übrigen Land- und Stadtstrassen so reich sind, und dabei den Gegenverkehr scharf zu beobachten, der mit denselben Problemen kämpft.

Ein paar Kilometer abseits liegt das Bauerndorf Shirq (gesprochen: Schiirk). Die Familien bringen sich als Kleinbauern mit Milchwirtschaft durch. Die Zufahrt zum Dorf erlaubt nur Kurvenfahren im Schritttempo. Doch dann stehen wir vor einem neuen zweistöckigen Schulgebäude, in freundlichem Gelb verputzt, mit Metallfenstern und rotem Dach, etwas erhöht gebaut, damit ihm die Überschwemmungen des nahen wilden Bergflusses nichts anhaben können. Es hat acht Klassenzimmer, Gemeinschafts- und Nebenräume. In einer Bauzeit von nur sechs Monaten arbeitete eine Equipe von 14 Mann, die gleich auf der Baustelle campierte, fast täglich bis zum Einnachten, um die Schule auf Schuljahrbeginn rechtzeitig fertig zu stellen. An die Kosten von 340'000 Franken hat die DEZA einen Beitrag von 130'000 Franken geleistet, ein Vertrauensbeweis für die Arbeit von St. Georgen hilft Albanien.

Warum hat gerade Shirq eine neue Schule erhalten? – Shirq hatte Glück im Unglück: Wegen eines defekten Holzöfchens in einem Klassenzimmer brannte das baufällige Schulhaus vor einem Jahr ab. Ein Neubau war so dringend wie unumgänglich.

Das Ergebnis lässt sich sehen: Nirgends abgeschlagene Ecken, unebene Fugen oder schief montierte Lampen, sondern alles einfach, aber fachmännisch gemacht. Das neue Schulmobiliar und die Wandtafeln sind der Beitrag des albanischen Staates. Eine Heizung gibt es auch in diesem neuen Schulhaus nicht, aber wenigstens ist der Boden des Kindergartens isoliert. Jedes Schulzimmer verfügt über eine einfache Deckenbeleuchtung. Die Zuleitung von Strom und Wasser fehlt allerdings noch; zur Erstellung hat sich die Gemeinde verpflichtet.

Nach einem Augenschein in jeder Klasse, wo die Bilder unserer Digitalkameras dafür sorgen, dass manche der offenbar recht streng geführten Kinder auftauen, ja gar kichern, lachen und zum Abschied winken, erleben wir das Ende des Unterrichts. Im lehmig-sumpfigen Schulhof stellen sich die Klassen nebeneinander je in Zweierkolonne auf und defilieren dann winkend am Schulvorsteher, dem Dorfpräsidenten und uns Gästen vorbei. Das alte Regime lässt grüssen! Als alle unter dem Eingangsdach stehen, geht ein grosses Winken los, während wir einige Fotos machen; der Gemeindepräsident und der Vorsteher sprechen ein paar Sätze des Dankes. Schlicht. Als mein Freund und Begleiter einem Kind ein farbiges Tüchlein aus dem Ärmel und eine Münze durch ein Taschentuch zaubert, wird er angehimmelt wie David Copperfield. - Übrigens haben am Morgen zahlreiche Kinder gefehlt, weil ihr Schulweg wegen der starken Regenfälle am Vortag unpassierbar war.

Hunderte weiterer Schulen im Land bedürfen dringend einer Renovation. Albanien fehlen die Mittel. Doch auch seine Kinder verdienen eine bessere Zukunft. Dafür setzt sich St. Georgen hilft Albanien weiterhin mit Überzeugung ein.